20. Juni 2005

 
Am 8. Dezember 2004 hatte Gabriel 100% oral gegessen, und das liess er sich auch nicht mehr nehmen. Er war ganz einfach auf den Geschmack gekommen, wenn in den ersten Wochen auch nur Stracciatella Joghurt (und manchmal, wenn er gut aufgelegt war, auch Apfelmus) auf dem Speiseplan stand. Das war uns aber vollkommen "wurscht", es war einfach so unglaublich schoen, dass unser kleiner Knirps sich mit solcher Freude fuettern liess.

Wir begannen Babyflocken in das Joghurt zu mischen, zuerst nur ganz wenig. Schnell stellten wir fest, dass das Gabriel egal war. Eigentlich schmeckte es ihm dann sogar besser, weil das Joghurt dann nicht mehr ganz so suess war (suess ist gut und schoen, aber den ganzen Tag? und das wochenlang?). Wichtig war ihm aber zu Beginn der Joghurtbecher, er ass nur aus diesem Becher. Gaben wir das Joghurt in eine Schale, war das ein Drama und an essen war nicht zu denken. Deswegen liessen wir es sein und dachten, das wird schon noch kommen.

Mit der Zeit mischten wir dann auch geriebenes Obst in das Joghurt, sodass Gabriel's Essen nach und nach zu einem Joghurt-Obst-Getreide Brei wurde. Nach etwa 6 Wochen war er auf diesen Brei umgestellt, und das Stracciatella Joghurt ersetzten wir langsam mit normalem weissem Joghurt. Hin und wieder probierten wir auch das Trinken, allerdings eher selten. Wir wollten Gabriel einfach genuegend Zeit lassen und ihn mit nichts draengen. Was in seinen Mund kam, das bestimmte er und niemand sonst.

Im Jaenner hatten wir einen Kontrolltermin mit Prof. Dunitz-Scheer, was recht angenehm war, weil wir ihr da doch noch einige Fragen stellen konnten, die uns auf dem Herzen lagen. Wir ueberlegten langsam Gabriel's Knopf entfernen zu lassen, als ich eine eitrige Halsentzuendung bekam. Ich schluckte Antibiotika (nahm sie auch brav bis zum Schluss) aber nach ein paar Tagen Ruhe kam ein Rueckfall. Wieder Antibiotika (ich musste/wollte noch am selben Abend, als die ganze Sache erneut anfing, fit sein fuer den 60. Geburtstag meiner lieben Mama), wieder ein paar Tage nach Ende der Einnahme Rueckfall. Endlich kam ich auf die vernuenftige Idee mir von "unserer" Homeopathin, Frau Dr. Schneider, etwas weniger drastisches geben zu lassen, das dann auch den gewuenschten Erfolg hatte.
Resultat dieser ganzen (4! Wochen dauernden) Geschichte war aber leider, dass auch Gabriel die eitrige Halsentzuendung bekam und natuerlich die Welt nicht mehr verstand: ploetzlich schmerzte es zu essen (sogar ich hatte waehrend der ganzen Geschichte meinen Appetit verloren, weil es ganz nett weh tat zu schlucken).

Allerdings wussten wir zuerst nicht, warum er ploetzlich nicht mehr essen wollte. So sicher fuehlten wir uns ja nun doch noch nicht, und eine muehsam nieder gehaltene Panik machte sich breit. Gabriel's Verhalten zeigte uns dann aber doch, dass irgendetwas anderes mit ihm los sein musste als ploetzliche unbegruendete Essensverweigerung. Teilweise setzte er sich mit Freude an den Tisch, aber sobald er den ersten Bissen genommen hatte, fing er an zu schreien und zu weinen, wollte weg und war tiefbeleidigt und ganz fertig.
Ausserdem hatte uns Prof. Dunitz-Scheer oft genug gepredigt, dass ein Kind, das essen gelernt hatte, nicht "einfach so" wieder damit aufhoerte. Die Kleinen sind ja schliesslich auch nicht auf den Kopf gefallen.

Es dauerte fast zwei Wochen, bis Gabriel sich gut genug fuehlte, dass er wieder anfing zu essen. Er war dann eben doch etwas uebervorsichtig geworden, aber mit Zeit, Geduld und vor allem absolut NULL Druck fing er sich dann doch innerhalb weniger Tage wieder ein und hatte wieder Freude am essen. Das damit verbundene Gluecksgefuehl der Eltern ist wohl unbeschreiblich :o)

Ende Februar stand uns noch einmal ein anstrengender und beunruhigender Test unserer Nerven und unseres Glaubens in Gabriel's Willen zu essen bevor. Unser Umzug nach Canada stand an und am 22. Februar flogen wir los. Kurz zuvor kam die Spedition und packte unsere gesamten Sachen sowie den Grossteil der Spielsachen ein. Gabriel beobachtete und wurde beunruhigend ruhig. Einen Tag vor Abflug entwickelte Julian, damals 10 Monate alt, hohes Fieber und wir verbrachten den ganzen Nachmittag beim Kinderarzt, weil ich natuerlich vor einem Transatlantikflug sicher gehen musste, dass das Fieber nur auf einen grippalen Infekt zurueckzufuehren war. Unser Stresslevel wurde noch erhoeht durch Julians Weigerung das fiebersenkende Mittel zu schlucken bzw. erbrach er ganz einfach, wenn ich ihm das Mittel in seinen Mund trickste. Gab ich ihm ein fiebersenkendes Zaepfchen, kam 15 Minuten spaeter Durchfall (das ist "besonders angenehm" an Bord eines Flugzeuges).
Gabriel hatte, als wir durch die Sicherheitskontrolle gingen, dann endgueltig die Nase voll von all dem Trubel, gab sein Schweigen auf und tat seinen Unmut lauthals kund. Er schrie, bis wir im Flugzeug waren. Dort weinte er "nur noch" mit Unterbrechungen, und essen wollte er natuerlich die ganzen 11 Stunden nicht einen Bissen.

Gluecklicherweise hatten wir in Canada ein kleines Reihenhaus gemietet fuer die ersten Monate, sodass sich Gabriel nach und nach beruhigen und wieder sicher fuehlen konnte. Er begann allerdings erst 5 Tage nach unserer Ankunft wieder an zu essen, der Umzug war doch ein zu grosser Schock fuer unser kleines sensibles Kerlchen gewesen. Wir waren froh, dass wir die Sonde noch nicht entfernen hatten lassen, und konnten somit dafuer sorgen, dass er mit genug Fluessigkeit und Nahrung versorgt war.

Die naechsten Monate verliefen dann problemlos, und Gabriel wurde immer besser und unkomplizierter, was sein Essen betraf. Er begann immer mehr verschiedene Dinge zu probieren und zu essen. Vor allem, wenn wir bei Freunden eingeladen waren oder in ein Restaurant essen gingen, wollte er alles probieren, was es da leckeres auf Papa's Teller zu sehen gab.
Seine Fixierung auf den Joghurtbecher war auch nicht mehr so stark, inzwischen ass er zuhause von ein paar verschiedenen Schuesseln, allerdings immer noch nicht wahllos von irgendeiner Schuessel.
Sein Essen musste immer noch pueriert sein, oder auch grober pueriert, aber immerhin: er ass immer mehr verschiedene Dinge. Manchmal mit mehr Freude, manchmal mit weniger. Sein Lieblingsessen war jedoch dasselbe geblieben: im Juni 2005 ass er immer noch am liebsten Haferflockenbrei mit puerierten Obst und Naturjoghurt, und davon ernaehrte er sich auch noch hauptsaechlich. Auch trank Gabriel noch nicht wirklich, wenn er auch mit den Mengen an Joghurt und Obst, die er ass, mehr als genug Fluessigkeit bekam.
 

Am 16. Juni war es dann soweit: wir entfernten Gabriel's Sonde! Ueber unseren Family Doctor hatten wir ein Referral bekommen zu einem Facharzt, der sich mit Sonden auskennt. Mit ein bisserl Geduld ueberzeugte ich die Schwester dort telefonisch, dass wir die Sonde selbst entfernen wuerden und dann am naechsten Tag das Stoma aerztlich dort untersachen lassen wuerden. Wir wollten die Sonde naemlich abends entfernen, wenn Gabriel schon schlafen wuerde, sodass das Stoma doch einige Stunden Zeit haette sich zu verschliessen bevor unser kleiner Spatz wieder durch die Gegend duesen wuerde.
Das klappte auch wunderbar.... abgesehen davon, dass wir vergessen hatten ein Handtuch mitzunehmen und nachdem der Knopf heraussen war, natuerlich noch Mageninhalt aus dem Stoma austrat. Ein letzter kleiner Unfall zum Schluss, den wir noch schnell reinigen konnten.
Das ganze war irgendwie schon sehr aufregend, und ich war witzigerweise auch nervoes. Eigentlich kein Wunder, nach 1.5 Jahren war unser Kind endlich wieder ohne Sonde!


 

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