Esstherapie in Graz
12. September - 1. Oktober 2004

Unser Dank geht an...
Was hat sich seit unserem ersten Bericht getan?
Update (20. Juni 2005)
 
Oft wurde ich mit dem Kommentar konfrontiert "Mein Kind isst auch nichts", und manchesmal, wenn meine Laune bzgl. Gabriel's Essproblematik wieder einmal einen Nullpunkt erreicht hatte, hätte ich dann gerne nachgefragt, wo denn das Kleine seine Sonde hätte...
Nur wenige wissen, daß manche Baby's und Kleinkinder durch Intubation, Nasen-Magen Sonde, Reflux oder ähnliches im Mundbereich derart traumatisiert sind, daß sie NICHTS mehr über ihre Lippen lassen. Für diese Kinder bietet die Medizin als lebensrettende Maßnahme die (Nasen-)Magensonde. Kurzfristig ist dies auch äußerst nützlich, aber auf Dauer wünschen wir doch allen unseren Kindern, daß sie die Freude am Essen erfahren dürfen.
Gleichzeitig ist man sich als Elternteil auch bewußt, daß "Nicht-Essen" aufgrund der fehlenden Information im Mund, der fehlenden Motivation zur feineren Verwendung der Finger und der Nähe dieser beiden Bereiche im Gehirn zu (zusätzlichen) Entwicklungsverzögerungen führen kann.

Gabriel hatte aufgrund eines Intensivstationsaufenthaltes direkt nach der Geburt (inkl. Intubation und Nasen-Magen Sonde) eine orale Aversion entwickelt. 1,5 Jahre lang versuchten wir die Aversion mit täglichen Übungen zu verbessern. Wir begannen mit einem Baby, daß im Gesicht nicht einmal berührt werden wollte und hatten dann ein Kleinkind, daß sich (maximal) ca. 2 Teelöffel Brei mit viel Ablenkung, Jubeln und Theater geben ließ. Nachdem uns klar wurde, daß es so noch Jahre dauern konnte, wenn wir nicht eine einschneidende Therapie machten, und erfahren hatten, daß es in Graz eine solche Therapie gibt, beschlossen wir kurzerhand unser Glück zu versuchen. Wir schrieben ein email an Frau Prof. Dunitz-Scheer und bekamen bereits für 6 Wochen später einen Therapieplatz! 

An einem Sonntag, den 12. September 2004, fuhren wir voller Hoffnung an die Universitäts-Kinderklinik Graz. Dort wurden wir von der anwesenden Schwester herzlich empfangen, und nach ein paar Formalitäten bezogen Gabriel und sein Papa ihr Zimmer (ein sogenanntes Mutter-Kind Zimmer, das für die nächsten Wochen wohl eher ein Papa-Kind Zimmer sein würde ;o), während ich mit Julian - Gabriel's kleinem Bruder - in die Wohnung einer sehr guten Freundin von uns zog. Vielen lieben Dank nochmal, Ela und Heinz!!! Das hat uns alles sehr erleichtert!!

Der nächste Tag begann mit einer langen Visite, einer Teambesprechung und schließlich dem ersten Spieleessen (siehe Photos links! Lasst euch aber von diesen Photos nicht taeuschen, absolut NICHTS landete in Gabriel's Mund, da passte er schon sehr gut darauf auf!).
Gabriel ging vorsichtig in den Raum und sah die ganzen interessanten Dinge am Boden (!!) herumstehen. Zuerst konnte er es kaum fassen, aber dann konzentrierte er sich mit voller Begeisterung auf seinen höchstwichtigen "Job": er mantschte und spielte und beschmierte sich in kürzester Zeit vollständig, von Kopf bis Fuß, mit Kartoffelbrei, Nutella, Joghurt, Milchschnitte und noch einigen anderen, nicht mehr identifizierbaren Lebensmitteln.
 
Zusätzlich zum Spielessen standen Ergo-, Physio- und Logopädie auf dem Programm... natürlich nicht jeden Tag drei Therapieeinheiten, aber an einigen Tagen hatte er zumindest zwei Einheiten.
 
In den folgenden drei Tagen wurde Gabriel's Sondennahrung drastisch eingeschränkt. Bereits am vierten Tag bekam er nur noch etwas Zuckerwasser, und auch das nur bei Bedarf. Besonders gemein an der Zuckerwassergabe ist natürlich, daß Zuckerwasser den erloschenen Hunger wieder schürt durch einen raschen Anstieg und darauffolgenden schnellen Abfall des Blutzuckerspiegels.

Entsprechend seines immer größer und unerträglich werdenden Hungers sank auch Gabriel's Laune (und damit auch unsere) auf den Nullpunkt. Freitag morgen hatten wir bereits ein Kind, daß am Boden lag und vor lauter Hunger weinte und schrie. Und auch uns war nur noch nach Weinen zumute. Wann würde er endlich zu essen beginnen, wann wird diese Tortur endlich vorbei sein?
Die nächsten Tage änderten sich nicht wesentlich, es verließ uns immer mehr der Mut, und wir waren zerrissen zwischen "aufgeben und ab nach Hause" und "aber dann war alles bisher umsonst". Gabriel hatte in einer Woche etwa 1 Kilogramm Gewicht verloren... wenn er auch die Therapie mit stolzen 12,8 kg begonnen hatte.

Eine Woche nach unserer Ankunft in Graz geschah dann plötzlich unvermutet das ersehnte Wunder: Wir saßen im wirklich herzigen "Häuserl am Walde" (mit toller Aussicht!) und hatten gerade beschlossen, sollten wir ohne jeden Erfolg heimfahren, dann hatten wir es wenigstens versucht. Da zog Gabriel plötzlich Gregor's Löffel mit Eis zu seinem Mund hin. Wir waren total baff und konnten es kaum glauben. Vielleicht war aber genau unsere neue Einstellung "Was soll's, wir können es eh nicht ändern" der Grund, daß Gabriel eine Kostprobe nahm - endlich kein, wenn auch unbewusster, Druck mehr von unserer Seite!
Die nächsten Tage verliefen ähnlich, ein- bis zweimal am Tag schleckte er vorsichtig ein kleines bisschen (und immer dann, wenn wir wieder dachten, heute läuft aber auch gar nichts), aber viel mehr passierte nicht. Wir freuten uns zwar über jede Kleinigkeit, aber wann würde es ENDLICH mehr werden, wann würde Gabriel endlich von seinem unerträglichen Hunger erlöst??

Am Mittwoch dann, 10 Tage nach unserer Ankunft in Graz, fing Gabriel aus heiterem Himmel an mehr in den Mund zu nehmen: er schlabberte Kuchen, dann Milchschnitte. Gabriel fing an sich zu freuen, wenn er seine Milchschnitte sah. Der Rekord war Freitag abend, Tag 12, als er doch tatsächlich 2/3 eines ganzen Hippglases aß und danach noch etwas Pudding - und das ganz sauber vom LÖFFEL - Mund auf, Löffel hinein, Mund um den Löffel schliessen, und schlucken!! Samstag früh verdrückte Gabriel ein ganzes Monte (ein Schokoladepudding) und noch etwas Brei.

Wir waren euphorisch, freuten uns wie die kleinen Kinder, wir hatten es geschafft...
Da Julian 6 Monate alt geworden war, war es auch für ihn an der Zeit mit dem Essen zu beginnen. Das würde Gabriel vielleicht sogar noch mehr motivieren! Der "Futterneid" soll ja scheinbar oftmals helfen. Wir begannen also auch Julian ein paar Löffelchen Karottenbrei zu geben, und schon beim ersten Löffel wurde mir bewußt, daß das jetzt möglicherweise ein folgenschwerer Fehler gewesen war. Gabriel's Gesichtsausdruck sprach mehr als tausend Worte. Er war so stolz auf seinen Erfolg gewesen, und jetzt machte sein kleiner Bruder genau dasselbe wie er, einfach so?
Leider stellte sich mein ungutes Gefühl als richtig heraus. Zwei Wochen lang sollte Gabriel totalverweigern und keinen Bissen mehr anrühren.

In dieser Zeit fuhren wir nach Hause, in der Hoffnung eine Ortsveränderung könnte etwas bewirken. Wir wurden in Graz gut instruiert und sollten Gabriel 5 Tage in der Woche Zuckerwasser (natürlich von der Menge her nicht mehr so am Limit wie in Graz, das ist nur unter ärztlicher Aufsicht möglich) und 2 Tage in der Woche wieder Sondennahrung geben.

Nach zwei Wochen fing Gabriel wieder an ein bisschen zu probieren, hurraaa!! Nach drei Tagen wieder ein Stopp... totale Verzweiflung machte sich breit, unsere Nerven lagen völlig blank. So konnte es nicht weitergehen!
Wir konnten nicht weiterhin die Stimmung in der Familie abhängig davon machen, ob Gabriel etwas zum Mund führte oder nicht. Also beschloßen wir in einem langen Gespräch es uns einfach egal sein zu lassen. Und das in die Tat umzusetzen war nicht leicht, schliesslich war unser kleiner Schatz vollkommen entkräftet - er hungerte nun bereits seit Wochen, war blass und hatte dauernd kalte, blaue Hände, war völlig lustlos, weil er einfach keine Kraft mehr in seinem kleinen Körper hatte... statt in seinem Kinderwagen zu sitzen, hing er nur noch drin wie ein nasser Sack.

Aber genau dieses "Egal sein lassen" führte schlußendlich zum Erfolg.... und die Kombination aus Meditation, Homeopathie, Bachblüten und cranio-sakraler Osteopathie. Wir fuhren alles auf, was es auf dem Markt gibt! ;o) Nach ein paar Tagen begann Gabriel wieder zu probieren... und wir waren trotz unseres Vorsatzes voll von verhaltener Freude und gleichzeitig voller Angst vor einem neuen Stopp. Wir riessen uns zusammen und übten absolut null Druck aus, ließen Gabriel machen was und wie er wollte. Wenn er mal nicht wollte - auch gut. Nach zwei Tagen schlecken und probieren waren wieder einmal die zwei Tage volle Sondennahrung fällig. Etwas nervös gaben wir ihm seine Nahrung, würde er wieder aufhören zu schlecken?

NEIN, ganz im Gegenteil, mit einem kleinen bisschen mehr Energie schleckte Gabriel sogar noch intensiver. Vor allem beim Frühstück und Abendessen probierte er Marmelade und die verschiedenen Streichkäsesorten, indem er sie vom Brot herunterschleckte. Daraufhin beschlossen wir gemeinsam mit Frau Prof. Dunitz-Scheer bei voller Sondierung zu bleiben.

5 Wochen lang änderte sich nichts mehr, abgesehen von der "Kleinigkeit", daß Gabriel wieder der kleine fröhliche Junge wurde, den wir von früher kannten. UND... er hörte mit dem Probieren und bißchen schlecken nicht auf, sondern es machte ihm Spaß.
In diesen 5 Wochen wurden die Mahlzeiten zu einem festen Bestandteil in Gabriel's Tagesablauf, die ihm viel Freude machten. Es war ein tolles Spiel, vor allem ein Brot streichen zu helfen war ultimativ!

Einmal am Tag versuchte ich auch ihn mit dem Löffel zu füttern. Diese ganzen 5 Wochen ließ er den Löffel nie in seinen Mund hinein, sondern schleckte ihn nur ein bisschen ab. Zu dieser Gelegenheit sondierte ich ihm auch nicht seine Sondennahrung, sondern mit Wasser verdünnte Babynahrung (siehe Photo!). Sollte Gabriel aufstossen, so würde er den Unterschied merken, und natürlich sah er auch höchst interessiert zu, was ich da tat. Auch füllt "normale" Nahrung nicht so ab wie Sondennahrung und die Kinder spüren nach entsprechender Zeit einen normalen, gesunden Hunger, den es bei Sondennahrung nicht so richtig gibt. Ich bin jedenfalls der festen Ueberzeugung, dass die Fütterung von richtigem Essen zumindest einmal am Tag entscheidend für den Erfolg war (auch wenn es extrem mühsam war, vor allem wenn man bedenkt, dass daneben ein 6 Monate altes, seeehr anspruchsvolles Baby in einem zweiten Hochstuhl sass).

An einem Dienstag, dem 30. November 2004, änderte sich plötzlich ALLES. Statt nur vom Löffel ein kleines bisschen herunterzuschlecken, durfte ich den Löffel etwa zu einem Viertel in seinen Mund geben. Auf diese Weise aß Gabriel ca. 1/4 eines Joghurtbechers. Dafür brauchte er auch eine ganze Stunde! Am selben Abend gab es Grießschmarren mit Apfelmus, auch vom Apfelmus aß Gabriel mit!

Jeden Tag wurde so die Menge mehr und mehr, und Gabriel's Essgeschwindigkeit nahm ebenfalls stetig zu. Eine Woche später verdrückte er über den Tag verteilt 4 Stracciatella Joghurtbecher. Dieses Joghurt hat einen 10% Fettanteil und 220 kcal!

Der 8. Dezember markierte den ersten Tag, an dem wir Gabriel nicht mehr über seine Magensonde zufüttern mussten. Inzwischen bekommt er nur noch Wasser in der Nacht, denn das Trinken kann (oder will) er noch nicht.

Heute ist Sonntag, der 19. Dezember 2004. Gabriel wird nun seit 2 Wochen nicht mehr über die Sonde gefüttert, sondern versorgt sich selbst.

Er mag zwar derzeit nur sein Stracciatella Joghurt, aber es kann sich wohl kaum jemand vorstellen wie egal mir das ist! Ausserdem akzeptiert Gabriel problemlos, daß wir Apfelmus, Griessbrei oder Haferflockenbrei unter sein Joghurt mischen. Er sitzt mit uns am Tisch und probiert und schleckt von unserem Essen, und ißt am Schluß dann sein Joghurt. Wenn es heißt "Essen gibt's", dann springt er regelrecht von sogar seinem liebsten Spielzeug auf und düst quitschend vor Freude so schnell er kann zum Tisch. Es gibt doch nichts schöneres als sein Kind füttern zu können, und es schmeckt ihm!


An dieser Stelle bedanken wir uns ganz ganz herzlich...

bei Prof. Marguerite Dunitz-Scheer, einer wunderbar menschlichen und kompetenten Ärztin, "Erfinderin" und Leitung des Sondenentwöhnungsprogrammes in Graz.
bei DKKS Ingeborg Sommer, die uns Eltern auf ausnehmende Weise unterstützt hat.
beim gesamten Team der Psychosomatik an der Kinderklinik Graz.

bei der Familie Müller aus der Schweiz und der Familie   aus Israel, mit denen wir gemeinsam das Programm durchgezogen haben. Wir waren uns gegenseitig Halt und Stütze.

bei Frau Dr. Schneider, die so große Anteilnahme nimmt an Gabriel's Wohlergehen, und für ihre tollen und immer treffsicheren homeopathischen Mittel.
bei Marianne, die mir immer wieder hilft in meiner Seele Frieden zu schaffen und uns nun auch mit Gabriel sehr geholfen hat.
bei Mag. Urbanski, die mir sofort und unentgeltlich ihre reiche Erfahrung in Punkto Bachblüten zur Verfügung stellte.
bei Dr. Herrgesell, die uns innert kürzester Zeit einen Termin gab zur cranio-sakralen Therapie (eine Therapie, die Gabriel auf allen Gebieten sehr gut hilft!).

...und ganz besonders bei unseren Familien, die IMMER für uns da sind!!


 

 
 
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